Meine zweite Heimat Österreich

Wienerbruck-alpen-zug-vlakSaschka ZHURKOV
„Ich möchte zu Oma und Opa,
zu Tante und Onkel, zu den Cousins,
Dort habe ich viele und hier keine Freunde."
Du hast aber doch Freunde?"
„Nur zwei."
„Und wie viele brauchst du?"
„Hundertfünfundzwanzig."
(Ein Gespräch mit meinem Sohn)


Als es noch Out- und Westblock gab, sind wir mit unseren beiden Kindern – Alex (11) und Sweti (12) – über die ungarisch-österreichische Grenze nach Österreich geflohen. Auch die Reise von Bulgarien nach Ungarn war nicht selbstverständlich.

In Budapest angekommen, gingen wir zur amerikanischen Botschaft, um politisches Asyl zu beantragen. Wir hatten Verwandte in Amerika. Wir erklärten, dass wir uns nicht vom Fleck rühren würden, wenn man uns nicht hilft, mit unseren Verwandten Kontakt aufzunehmen, damit diese uns zur Ausreise verhelfen. Wir unterhielten uns mit dem Chef der Wache – ein fast zwei Meter großer Mann, mit Schuhen, die einem Kindertrog ähnelten. Sie stellten je ein Glas Wasser vor uns hin und fingen an. Ein verhör wie beim Verhör! Ich werde es nicht beschreiben. Während ein Mann – bewaffnet und in Bereitschaft – dicht neben uns stand und der sogar die Kinder feindlich ansah, so streichelte jener mit den Trogschuhen unseren kleinen Sohn und sagte, auch sein Junge habe so eine Frisur mit einem kleinen Zopf im Nacken.

TraiskirchenIn der Zwischenzeit hatten wir eine Dolmetscherin bekommen. Es war eine Beamtin, Ungarin und hochschwanger, welche zwanzigmal hin- und herging, während wir am Tisch saßen und darauf warteten, dass ER (wir wussten noch nicht WER) kommt, wie man uns auf Deutsch mitteilte, weil auch wir uns in dieser am Gymnasium gelernten Sprache unterhielten. Sie hat uns also dabei belauscht (wir ahnten überhaupt nicht, dass jemand Bulgarisch sprach), und erst als ER kam, ist uns klar geworden, dass sie dolmetschen wird. Sie hat uns überzeugt, dass wir die Botschaft verlassen müssten und am nächsten Morgen wiederkommen sollten, damit man uns mit unserem amerikanischen Großvater telefonisch verbinden könnte. Sie wurde bestimmt (auf amerikanische Art) für ihre erfolgreiche Aktion gelobt. Sie führte uns mit dem Gepäck (wir waren bereits in einem Hotel abgestiegen, das unser Geld wie ein Staubsauger verschlang) zu einem Campingplatz nahe der Donau.
Am nächsten morgen standen zwei bewaffnete Männer am Eingang der Botschaft, die nur Bogi als Familienoberhaupt hineinließen, mich und die Kinder nicht. Uns zeigten sie fünfzehn Meter entfernte Bänke – dort sollten wir warten. Als wären wir kleinkalibrige Terroristen. Genau eine Minute nachdem wir uns – weit vom Eingang entfernt und ziemlich beleidigt – auf den Bänken niedergelassen hatten, kam seine Exzellenz, der Botschafter – ein dünner, zarter Repräsentant eines mächtigen Landes – und ging schnell rein. Das Gespräch mit dem amerikanischen Großvater ergab nicht das, was wir uns erhofft hatten. Er wollte drei oder vier Monate mehr Zeit, um etwas (was sollte das sein?) zu arrangieren. Wir hatten aber schon amerikanische Botschaften besucht, welche nicht für unsere Sicherheit bürgen konnten, sollten wir nach Bulgarien zurückkehren.

Der Plan war schon geschmiedet – eine Flucht über die Grenze. Unsere bekannte Heinal zeigte Anteilnahme (ich weiß nicht, ob man es Selbstinitiative nennen kann) und versicherte uns, dass viele Ostdeutsche bei der Stadt Sopron über die Grenze flohen. Wahrscheinlich hatte sie aufmerksam die Nachrichten verfolgt.

Wir stiegen in den Zug ein. Sie begleitete uns und nahm unsere zwei Koffer mit, in denen sich alles befand, was wir für den Anfang unseres Lebens als EmigrantInnen vorbereitet hatten. Ich hatte einen weißen Rock an, der nachher vom Ausrutschen auf dem Boden und dem Klettern über Zäune wie Rambos Klamotten aussah.

Wien heute-3-neuEs stimmt, dass die Gegend um die österreichische Grenze, besonders die Campingumge- bung, voll mit verlassenen und ausgeplünderten Autos war – Trabanten, Volgas und andere. Manche sahen wie Skelette aus. Wir übernachteten in zwei dieser Autos – mein Ehemann und ich in einem Volga, die Kinder in einem Trabant. In der Nacht wachte ich von Lärm und Scheinwerferlicht auf. Die Kinder streckten ihre Köpfe aus dem Wagen und riefen nach mir. Ich sah Polizisten und dachte, sie kämen wegen uns. Aber sie gingen weiter und fragten uns nicht nach Papieren oder etwas anderem. Sie hatten bloß die DDR- Autos inspiziert.
Es ist uns gelungen – wir gingen über die Grenze. Von der anderen Seite winkten uns sogar die Leute vom Roten Kreuz. Sie gestikulierten:

„Kommen Sie, kommen Sie!" Wir gingen hinter einer ostdeutschen Familie mit drei Kinder, alle Mädchen. Ein Wagen mit Zivilbeamten fuhr der grünen Grenze entlang, wartete auf uns und brachte uns zu den Zelten des Roten Kreuzes, wo wir uns wuschen und man uns zu essen gab.
Der Deutsche war geschüttelt von Weinkrämpfen. Es gab auch andere Familien, die sich umarmten und weinten. Und die Kinder – unsere und ihre. Oh Gott, sie verstanden gar nichts, die Armen. Als mein Alex den Grenzstein mit der Aufschrift „Österreich! Endlich!" sah und unseren Ausruf hörte, wollte er uns noch eine Freude zu machen und fing an, mit Pathos „Meine zweite Heimat" zu singen. Aber schon nach kurzer Zeit wechselte er zu: „Wo sind Oma und Opa, wo sind meine Cousins? Gehen wir nach hause!" Es fing an und hörte nicht mehr auf -bis heute nicht. Hier – dort! Dort – hier! Und der Ältere – genau das Gegenteil – will sich von HIER nicht rühren.

wien-heute-4Was passiert mit den Kindern in Emigration?
Ich denke, wir gehörten zu der Sorte Eltern, die konstruktiv zu dem Leben in unserer neu gewählten Heimat eingestellt waren. Wir fingen schon bei unserer Ankunft damit an, unsere Beziehungen zur Umwelt aufzubauen: die Depression, das Heimweh war nicht so stark ausgeprägt; der Wendepunkt war um den vierten Monat. Die Verschärfung der Depression begann im dritten Jahrunseres EmigrantInnenlebens, mit dem Verlassen des kleinen Kittsee und unserem Niederlassung in Wien, wenn alle das Interesse an einem schon verlieren, wenn keiner einem hilft, aber man noch nicht auf eigenen Füssen steht. Besonders kritisch ist dieser Augenblick für die Heranwachsenden zwischen 12 und 16, zu denen meine Söhne damals gehörten. In dieser Periode heftiger physiologischen und psychologischen Entwicklung kann man bei den heranwachsenden Kindern von EmigantInnen (ich konnte auch die Kinder vieler Landsleute sowie Freunde, von mir beobachten) Züge beobachten, die man normalerweise bei seelischen Traumata beobachtet. Meine Kinder waren sehr verwirrt, sie lebten mit dem Bewusstsein, nicht ganz oder gar nicht „hiesig" zu sein. Sie bleiben, so scheint es, für immer Kinder von EmigrantInnen. Nicht dass es ihnen schlecht ginge, aber in gewissen Abständen werden sie immer wieder daran erinnert, oft beleidigend, dass ihre Herkunft.... Mein jüngerer Sohn hasste es, wenn man seine Heimat beleidigte und hatte sich aus Protest die bulgarische Fahne eigenhändig auf der Hand „tätowiert", woraus die Schuldirektorin ein Weltproblem machte, und er sogar in eine andere Schule wechseln musste. Man bemerkte bei den bei den beiden einen emotionalen Hunger, der Mechanismus der Empathie entwickelte sich nicht, die zwischenmenschlichen Beziehungen wurden schematisiert und farblos. Die Trennung von den Verwandten, vom heim, sogar vom Spielzeug, vom Fahrrad und vom geliebten, treuen Hund und vom Schmusekater verarbeiten die Kinder viel schwerer als die Erwachsenen die Trennung von den verwandten, die in der Heimat geblieben waren, und – wie es damals war – uns so wenig besuchen konnten, wie wir sie.
Sowohl Kinder als auch Erwachsene kapseln sich ab, wenn ihnen ihre Umgebung eine normale emotionale Unterstützung verweigert. Eine solche emotionale Unterstützung empfinden sie als ein energetisches Gewebe, wenn die Umgebung sie nicht beachtet und in ihrem psychologischen Raum als bedeutende Personen nicht anerkennt, sondern sie als Hindernis oder Fremdkörper betrachtet. Im Prinzip sind diese Kinder hierhergekommen, ohne dass man sie nach ihrer Meinung über die Notwendigkeit einer Emigration gefragt hätte. Aber kann ein 5 bis 7-jähriges Kind, oder such herangewachsenen zwischen 11 und 14 Jahren, solche wichtigen Entscheidungen treffen? Es besteht die Möglichkeit, dass einem Kind die Trennung von den kindern vom Hof, aus dem Wohnhaus oder aus der Klasse, mit denen es Fußball gespielt hat, als viel wichtiger erscheint, als die Gründe für die Eltern in ein anderes Land zu gehen, weil es wegen seinem Alter und fehlender Information noch nicht beurteilen kann, welche Vorteile und Lösungen für bestimmte Probleme uns die Emigration bietet. Ganz zu schweigen über Verfolgungen aus politischen oder anderen Gründen oder eine organische Unverträglichkeit gegenüber der existierenden Gesellschaftsordnung. Immerhin muss man erwachsen sein, um diese wichtigen Fragen zu beantworten.

wien-heute-5Für manche Leute kann es den Anschein haben, dass sich Kinder besser als Erwachsene der neuen Situation, dem neuen Land oder den neuen Menschen anpassen. Aus eigener Erfahrung weiß ich aber, dass genau das Gegenteil Realität ist: die Kinder empfinden den Übergang als viel mühsamer und ernster als die Erwachsenen. Zu alledem spielt auch der Faktor Alter eine große Rolle. Wenn das Kind mit 5, 10, 15 oder 18 Jahren hierhergekommen ist, so heißt das eine absolut unterschiedliche Wahrnehmung, auch von der Heimat. Meiner Meinung nach ist das wahrscheinlich beste Alter für das Emigrieren 5 oder... 25 Jahre. So ist das Kind mit 5 zu klein, um überhaupt zu verstehen, was passiert und mit 25 Jahren ist der Mensch erwachsen genug, um die Situation nüchtern zu bewerten und abzuwägen, ob er hier leben will oder nicht. Die Periode eines anfänglichen Sammelns von Erfahrungen in der Emigration ist immer mit Entbehrungen, Stress und Schwierigkeiten für alle verbunden. Es gibt grundsätzlich vier möglichen Strategien für ein Leben als Emigrantin: Assimilation (Ablehnung der vergangenen kulturellen Erfahrung und prinzipielle Orientierung an die Kultur des Landes, in dem man jetzt lebt); Separatismus (Bewahrung der eigenen Normen und Werte als bevorzugte vor denen des Landes, in dem man emigriert ist) und Marginalisierung (Ablehnung sowohl der einen als auch der anderen Kultur).

Aber am produktivsten und ausbaufähigsten vom Standpunkt der Kontinuität und der Entwicklung der Biographie eines Menschen und der Bewahrung des Zusammenhalts der Familie ist die Lebensstrategie der Integration. Selbstverständlich muss sie das Ergebnis der Selbstfindung des Menschen sein, dank seiner Aktivität und eigener Initiative.
Was haben meine Söhne richtig gemacht – sie haben eine ausgezeichnete Ausbildung – Alex ist in Handelsbranche und Sweti ist Graphik-Designer, sie beherrschen einwandfrei vier

Sprachen – Deutsch, Englisch, Russisch und Bulgarisch, sie haben sich beruflich etabliert. Aber das, was mit ihnen als Kinder in der Emigration passiert ist, ist, dass sie Träger zweier Kulturen sind, und das ist ganz und gar nicht schlecht. Aber dieser Kulturaustausch und die Wechselwirkungen der Kulturen waren in der Praxis außerordentlich schwierig, weil die dafür notwendigen Bedingungen die volle Offenheit und das beiderseitige Wohlwollen sind. Letztendlich ist am Anfang des 21. Jahrhunderts die Frage, wo man lebt, eine Frage der Reflexion und nicht der Lokalisierung. In Bulgarien lebt jeder, der es als seine Geschichte, Kindheitserinnerungen, Sprache und Kultur, Lieder und Tänze in sich trägt. Die Kinder wurden erwachsen, wurden Männer, die eigene Kinder haben. Meine vierjährige Enkelin Inge ruft nach mir auf Deutsch, wenn sie nachts aufwacht. Sie ist schon hier geboren, ihre Heimat ist Österreich, ihre Heimatstadt ist Wien, ihre Heimatsprache ist deutsch.
Aber Augenblick mal – sie wird auch Trägerin – nicht von zwei, sondern von drei Kulturen sein. Und ist das nicht wunderbar!