Eine Reise in das Land des Löwen

Uber 112.000 OsterreicherInnen haben heuer Bulgarien schon besucht, das ist ein Zuwachs von 7,5% im Vergleich zum Vorjahr. Insgesamt hat der bulgarische Tourismus eine Steigerung von 6,1% bei den Besucherzahlen zu verzeichnen. Wir wissen, warum: das Land am Schwarzen Meer hat unglaublich viel zu bieten. Ein Reisebericht von Magdalena Jetschgo uber romische Stadien unter Einkaufsstraßen, Rosenduft und warum die sparsamsten BulgarInnen auch die lustigsten sind.

Veliko Tarnovo - die mittelalterliche Hauptstadt Bulgariens

Dicht aneinandergedrangt reiht sich ein hubsches kleines Hauschen an das andere, als ob sie sich um den knappen Platz an den Hangen uber dem Flussbett hatten streiten mussen. Die Jantra windet sich um die vielen Hugel, auf denen Veliko Tarnovo erbaut ist. Einer davon war einst ein ganzes Dorf: wo sich heute die Uberreste der Festung Tsarevets erheben, wurden schon im Mittelalter die Faden des Großreichs gezogen. Bei einer beeindruckenden Klang- und Lichtshow, in der Dunkelheit am Hugel Tsarevets dargeboten, wird von der großen Vergangenheit Bulgariens erzahlt. Auch im Stadtkern selbst fuhlt man sich um Jahrhunderte zuruckversetzt: schlendert man durch die alte Handlerstraße, kann man handgetopferte Keramik, die fruher den Adeligen vorbehalten war, direkt bei den Kunstlern erstehen, nach alter Tradition gebrauten turkischen Kaffee genießen, oder den alten, mittelalterlichen Hauptplatz bewundern – dessen Schonheit seiner heutigen Funktion als Parkplatz trotzt.
„Veliko Tarnovo ist die mittelalterliche Hauptstadt Bulgariens, die jeden Touristen mit ihrer einzigartigen Schonheit beeindruckt.“ – Soweit die Hochglanzbroschure des bulgarischen Ministeriums fur Tourismus. Ehrlich gesagt, die Wirklichkeit uberstrahlt diese Schilderung noch bei weitem. Veliko Tarnovo haftet die Große vergangener Jahrhunderte an – war die Stadt doch einst Hauptstadt Bulgariens und durch viele Jahrhunderte kulturelles und intellektuelles Zentrum des Landes. Viele Aufstande und Befreiungskampfe hatten hier ihren Ursprung, 1879 wurde die erste bulgarische Verfassung in Veliko Tarnovo ausgearbeitet.

Das kleine Museumsdorf Arbanassi

Nur 4km von Veliko Tarnovo entfernt befindet sich das kleine Museumsdorf Arbanassi, welches schon zur Zeit des zweiten bulgarischen Reiches (1185 – 1393 n. Chr.) existierte. Zu jener Zeit war Veliko Tarnovo die Hauptstadt und Arbanassi diente als Sommerresidenz. Wahrend der Jahre der turkischen Herrschaft machten sich arbanassische Handler im gesamten turkischen Reich einen Namen. Ihre Hauser, die von außen wie kleine Festungen wirken, kann man heute noch besichtigen. Eines dieser massiv anmutenden, durch seine orientalischen Ornamente gleichzeitig sehr edel wirkenden Landhauser aus dem 17. Jahrhundert ist das Konstancalieva-Haus: es vermittelt einen lebhaften Eindruck, wie eine beguterte Familie und ihre Bediensteten zur Zeit der Osmanen in Bulgarien gelebt hat: ob das weiß getunchte Zimmer mit romischem Steinboden, in dem sich die Frauen des Hauses am uberdimensionalen Sofa zum Handarbeiten und turkischen Kaffee versammelten (FOTO), die ausgeklugelte Kuche oder das abgeschiedene, gemutliche Wochnerinnen-Zimmer: das Konstancalieva-Haus ist wie eine Reise in eine langst vergangene Zeit. Mein personliches Highlight waren der versteckte Fluchtgang ins Nachbarhaus – zu osmanischen Zeiten hatte man anscheinend jederzeit mit feindlichen Ubergriffen zu rechnen – und der am Haus außen angebrachte „naturliche Kuhlschrank“ in Form eines Gitterkorbes vor einem Fenster.

„Die Welt uberdauert, weil sie lacht“

Die kleine Stadt Gabrovo hat schwere Zeiten hinter sich: einst bekannt als das „bulgarische Manchester“, sperrten nach Ende des Kommunismus 90% der Fabriken zu, die Arbeitslosigkeit lag bei 70%. Dass den Leuten das Lachen offenbar trotzdem nicht vergangen ist, bezeugt das Humor- und Satirefestival, das jedes ungerade Jahr unter dem Motto „Die Welt uberdauert, weil sie lacht“ stattfindet. Die Bewohner Gabrovos sind allerdings nicht nur fur ihren eigenen Sinn fur Humor, sondern auch fur ihre sprichwortliche Sparsamkeit landesbekannt. Geruchten nach zufolge ziehen die Gabrovoer Strumpfe an, statt Schuhe, wenn sie zum Tanzen gehen, damit sie die Musik aus dem Nachbardorf horen und das Geld fur die eigene Kapelle sparen. Aber ich muss ehrlich gestehen, dass ich das nicht personlich uberpruft habe.

Das Freilichtmuseumsdorf Etar

8km sudlich von Gabrovo liegt das Freilichtmuseumsdorf Etar. Es ist das einzige seiner Art in Bulgarien und wurde bereits 1964 eroffnet. Beim Durchschlendern tut sich einem das Leben der HandwerkerInnen aus dem 18. Und 19. Jahrhundert auf. Faszinierend detailreich wurde eine alte Geschäftsstraße - ein Schmuckstuck bulgarischer Wiedergeburtsarchitektur – nachgebaut, in der man sich beim Backer eine frisch gebackene Baniza (in Wien wurde man Burek dazu sagen) genehmigen, sich im alten turkischen Kaffeehaus die Zukunft aus dem Kaffeesatz lesen lassen, oder in der Krauterapotheke einen sicherlich sehr naturbelassenen Tee erstehen kann. Auch eine Reihe von wassergetriebenen technischen Anlagen konnen bewundert werden, unter ihnen eine vorsintflutliche Waschmaschine

Traume in Rosa

Am Weg weiter Richtung Suden befinden sich unglaublich hubsche, russische Kirchen, die in Miniatur sicher wie Spielzeug aussehen wurden (FOTO), Grabhugel der Thraker rund um Kasanlak, die von außen wie ein Erdhugel wirken, von innen allerdings mit Schatzen und reichen Malereien aufwarten, und, nicht zu vergessen im Land der Rosen, das „House of Roses“ (FOTO). Rosenol-Handcreme, -Marmelade oder –Likor – kaum einen zartrosa Wunsch lassen die bulgarischen Souvenirshops im zentral gelegenen Rosenthal unerfullt. Dabei ist die Rosenolproduktion seit Ende des Kommunismus stark zuruck gegangen und daruber hinaus außerst aufwandig: stattliche 3 Tonnen Rosenbluten der beruhmten rosa damascena sind notig, um 1 kg Rosenol herzustellen. Der Lohn ist ein Endprodukt, fast so wertvoll wie Gold und fur seine konservierende und desinfizierende Wirkung weltweit begehrt - auf dem Weltmarkt wird ein Preis von bis zu 5.000 Euro fur ein Kilo bulgarisches Rosenol bezahlt wird. Da die Gewinnung allerdings so aufwandig ist, wird auf vielen ehemaligen Rosenfeldern im Rosenthal mittlerweile Getreide angebaut, was mehr Ertrag abwirft. Das bulgarische Rosenol ist, neben Mitbewerbern wie der Turkei, Marokko oder Frankreich, trotzdem nach wie vor Weltmarktfuhrer.

Plovdiv – eine der altesten Stadte Europas

Plovdiv, die zweitgroßte Stadt Bulgariens und eine der altesten Stadte Europas, empfing uns mit strahlendem Sonnenschein. Die Stadt besitzt wohl die einzige Einkaufsstraße der Welt, unter der sich ein romisches Stadion befindet. An einigen Stellen ist es freigelegt, man fahrt im Einkaufszentrum die Rolltreppen hinunter und steht mitten drinnen. Das Amphitheater, in dem einst 7000 Menschen Platz fanden, ist malerisch zwischen zwei der drei bewohnten Hugel geschmiegt. Eigentlich ist die Stadt ja rund um sieben Hugel erbaut, am beruhmtesten ist jedoch das sogenannte Trimontium in der Altstadt. Die Altstadt ist uberhaupt ein Schmuckstuck (FOTO)! Bunte, kleine Hauser mit Holzverzierungen, die an Fachwerkshauser erinnern, sind teilweise so eng aneinander gebaut, dass es scheint, als wurden sie sich demnachst beruhren.
Lieblingsvorspeise: Grunzeugs und Schnaps.

Die bulgarische Kuche

Ganz unerwahnt ist hier noch die bulgarische Kuche geblieben – kurzgesagt: sie ist kostlich. Manchmal deftig (Gjuwetsche, eine Art „Wochenschau-Eintopf“), wurzig (Ljuteniza, erinnert an den balkanischen Ajvar), oft auch gesund – hier sei das besondere bulgarische Joghurt erwahnt. Interessant erscheint die Kombination aus Salat und Rakija. Vielleicht gewohnungsbedurftig – in Bulgarien jedenfalls Lieblingsvorspeise Nummer eins.
Doch nicht nur die Kuche ist ein Grund, um wiederzukommen: viele Regionen Bulgariens warten noch darauf, entdeckt zu werden: die Donau-Region im Norden des Landes, an der Grenze zu Rumanien, die Schwarzmeer-Kuste oder das massive Rhodopen-Gebirge im Suden des Landes, um nur ein paar weitere Schmuckstucke zu erwahnen. Dies war wohl nicht mein letzter Besuch im ehemaligen Großreich am Schwarzen Meer! Ich komme wieder.
Vielen Dank an das Ministerium fur Tourismus in Bulgarien, das mich nach Bulgarien eingeladen hat!

Fotos: Simon INOU

Aleko Konstantinov GROB