Eine Reportage von Simon INOU aus Sofia und Plowdiw

diana-radulovski-sBulgarien: „500 Jahre Osmanenbelagerung, 50 Jahre Kommunismus und 25 Jahre Mafia sind genug“
Seit 159 Tagen protestieren BulgarInnen jeden Tag und vorwiegend am Abend gegen die aktuelle Mitte-Links Regierung des parteilosen Premiers Plamen Orescharski. Diesen DemonstrantInnen zufolge ist die aktuelle politische Klasse in festen Griffen von Mafiosi und Oligarchen, die in der Tat das Land regieren. Sofia, 18. November 2013 – Heute fruh ist es 11:00. Die pulsierende Stadt ist seit mindestens sechs Stunden wach. Sofia, die Hauptstadt von Bulgarien, ist eine Metropole von 1,2 Millionen EinwohnerInnen in einem Land von 7,36 Millionen Menschen verteilt auf 111.000 Quadratkilometer. Es ist sonnig aber kalt. Wir haben gerade 8 Grad Celsius.

Diese Kalte ist fur den 33-jahrigen Tsvetozar Valkov, das Gesicht – und nicht der Anfuhrer wie er sagt – der bulgarischen Protestbewegung, und seine engagierte Truppe kein Grund nichts zu unternehmen. Der Infotisch in der Zentrale der Protestbewegung ist schon gerichtet. Warmer Tee bzw. Kaffee wird getrunken und naturlich wird viel diskutiert und telefoniert. Das Hauptquartier der Protestbewegung ist an einem sehr wichtigen politischen Ort aufgebaut. Gegenuber vom Parlament und rechts vor dem Monument von Zar Alexander II., dem “Befreierzaren”, wie er hier genannt wird. Unter seiner Fuhrung beendeten er, seine Armee und die Bevolkerung Bulgariens am 3. Marz 1878 die funfhundert Jahre Herrschaft der Osmanen und schufen die Grundlage fur das heutige Land. Fur Tsvetozar Valkov ist diese Zentrale nicht nur ein Koordinationsburo der Protestaktionen, sondern “das richtige Parlament, weil wir sind das Volk und nicht die, die gegenuber sitzen”, betont er stolz.

Warum die BulgarInnen protestieren, bis wann und mit welchen Methoden kann er klar beantworten: „Unsere Methode ist eine friedliche, wir orientieren uns an den Prinzipien von Mahatma Gandhi und Martin Luther King: Gewaltlosigkeit mit einer starken Einbindung von aktionistischer Kunst, um der Brutalitat der Sicherheitskrafte entgegen zu wirken. Was wir wollen ist klar: Diese Regierung muss zurucktreten. Alle sind korrupt, sind nur Marionetten von Konzernen und betreiben Vetternwirtschaft. Sie reprasentieren nicht das Volk, arbeiten nicht fur unser Land, sondern nur fur die eigenen personlichen Interessen.“

Skepsis herrscht auch in der Bevolkerung: ob diese Protestaktionen zu irgendetwas Positivem fuhren werden, sei unklar, so die Meinung einer Bulgarin, die aus Sicherheitsgrunden nicht genannt werden will. “Die, die protestieren, wollen, dass diese Regierung zurucktritt, haben aber keine reale Alternative. weil dieselbe Nomenklatura an die Macht kommen wird bzw. an der Macht bleiben wird”, sagt sie. Derartiger Skepsis begegnet Tsvetozar Valkov mit langfristigen Planen: Er sieht die Ausbildung einer unabhangigen Plattform aller gesellschaftlichen Schichten vor, die die  Korruptionsaffaren der letzten 25 Jahren untersuchen soll und zu einer “Operation Clean Hands” fuhren soll. Danach sollen rechtliche Moglichkeiten geschaffen werden, um Bulgarien von korrupten PolitikerInnen zu befreien. Damit dies geschieht, werden, so Valkov, Unterschriften im ganzen Land gesammelt, die zu einem Referendum fuhren sollen.

Auch in Plovdiv, der zweitgroßten Stadt Bulgariens, werden eifrig Unterschriften gesammelt. Am Anfang der Fußgangerzone in der Knyaz Alexander I. Straße, im touristischen Zentrum der Stadt gibt es einen Infostand der Protestbewegung. Eine Frau und zwei Herren sind hier aktiv. Sie verteilen Flyer, reden mit PassantInnen und versuchen die Unentschlossenen zu uberzeugen, die Petition zu unterschreiben. Im Hintergrund des Infostands hangen mehrere Transparente und Plakate, die auf die Korruption im Lande, aber auch auf das Marionettendasein der bulgarischen PolitikerInnen hinweisen. Auf meine englischen Fragen bekomme ich eine Antwort von einem sehr alten, physisch schwachen und geistig wachen Herrn – etwa um die 80 – der in Neuseeland gelebt hat und vor ein paar Jahren nach Bulgarien zuruckgekehrt ist. Er schimpft auf Russland und will nicht mehr, dass das Land Putins sich in die heimischen Angelegenheiten einmischt. Er meint damit die Energieabhangigkeit Bulgariens von Russland. Die im September 2013 erschienene Studie der Konrad Adenauer Stiftung “Energiepolitik und Energiewirtschaft in Bulgarien” bestatigt seinen Zorn: “Jahrzehntelang war Bulgarien stark von Energierohstoffen abhangig, die von einem einzigen Land – Russland – geliefert wurden. Das Land hangt zu 100 % von russischer Atomtechnologie (AKW Kosloduj, 2 aktive Blocke) und russischem Kernbrennstoff (von TWEL Russland) ab, ist zu 100 % abhangig von russischem Erdol fur die Raffinerie Lukoil in Burgas, zu 85 % von Erdgas, geliefert durch Gasprom, und von Kokskohle aus der Ukraine und Russland. Das Streben nach Verringerung dieser Abhangigkeit stoßt auf hartnackigen Widerstand durch die BSP (Sozialisten) und die mit dieser Partei verbundene Energielobby. Jede von der BSP gefuhrte Regierung ist bestrebt, diese Abhangigkeit zu steigern.”[1] Aber der alte Herr gibt sich sehr kampferisch und glaubt noch immer daran, mit seinem Engagement sein Land in eine bessere Richtung zu lenken.

Mit Russland verbindet Bulgarien eine sehr ambivalente Beziehung. Auf der einen Seite hat Russland Bulgarien von den Osmanen befreit. In Sofia rund um das Parlament stehen zwei orthodoxe Kirchen mit russischem Hintergrund: Genau hinter dem  Parlament steht die großte, die Alexander-Newski-Kathedrale mit ihren goldenen Kuppeln, erbaut zwischen 1904 und 1912 zu Ehren des Zaren Alexander II., der Bulgarien 1878 von den Osmanen befreit hatte. Die zweite ist die russisch-orthodoxe Kirche „Sveti Nikolay“ (Nikolaienkirche). Sie befindet sich 500m links vom Parlament an der Kreuzung der Rakovski-Straße und des Zar- Osvoboditel -Boulevards. Auf der anderen Seite beutet Russland, laut der Meinung vieler BulgarInnen, ihr Land aus und unterstutzt vorwiegend im Energiebereich mafiose Strukturen, die dem Land schaden. Dieser Zustand ist fur viele nicht mehr tragbar und akzeptabel.

Im Medienbereich findet man ein Monopol vor: Wenn in Bulgarien von Zeitungen die Rede ist, fallt der Name Deljan Peewski sehr oft. Der 33-Jahrige ist eine sehr umstrittene Personlichkeit. Seine Mutter Irena Angelowa Krastewa besitzt die im Jahre 2007 gegrundete Neue Bulgarische Mediengruppe. Zu ihr gehoren das auflagenstarkste Boulevardblatt, Telegraf, Zeitungen und Zeitschriften, Online-Dienste, ein Fernsehsender, eine Pressevertriebsgesellschaft und die großte Druckerei des Landes. Auf die Frage, ob es unabhangige Medien in Bulgarien gabe, antwortet Filmemacherin Maria Averina mit einem „Ja, aber“. In diesem Land von fast 7,36 Millionen Menschen gibt es noch JournalistInnen und Medien, die sich als unabhangig bezeichnen. Maria nennt zum Beispiel das Online Informationsportal http://www.offnews.bg, das vom investigativen Journalisten Vladimir Jonchev, einem ehemaligen Chefredakteur des angesehenen Medium STANDART, der sich dort nicht frei genug fuhlte, gegrundet wurde. Auch Tsvetozar Valkov bestatigt diese Beobachtung und fugt hinzu, dass es auch wirtschaftsliberale Zeitungen wie http://www.dnevnik.bg gabe, die gemaßigt unabhangiger berichten.

Vor vier Wochen hat sich der StudententInnen die Protestbewegung angeschlossen. Sie fordern den sofortigen Rucktritt der jetzigen Regierung, Neuwahlen und umfassende politische Reformen fur die junge Generation. An der Hauptuniversitat von Sofia treffen wir den jungen Studenten Kristian Ivanov. Er ist voll beschaftigt mit der Vorbereitung einer Studentenversammlung in der Raumlichkeit der Occupy University Bewegung. Auf meine Frage, warum er protestiere, fugt er den oben genannten Grunden den fur ihn wichtigsten hinzu: „Ich will in Bulgarien studieren, arbeiten und meine Kinder hier erziehen und deshalb brauchen wir zukunftsorientierte PolitikerInnen, die an das Land denken und nicht nur an ihre partikularen Interessen. Hier geht es um die eigene Befreiung und die eigene Gestaltungskraft und Unabhangigkeit“. Der Austro -Bulgare Theo Marin, der in der Protestbewegung als deutschsprachiger Ubersetzer und Historiker sehr aktiv ist, fasst es so zusammen: „500 Jahre Osmanen Belagerung, 50 Jahre Kommunismus und 25 Jahre Mafia sind genug. Wir wollen eine neue Geschichte unseres Landes schreiben.“

Fotos Simon Inou:
1. Das bulgarische Parlament in Sofia - Unter der Statue die Zelten und Zentrale der Protestbewegung
2.Tsvetozar Valkov - Das Gesicht der Bulgarischen Aufstandes
3. Assen Kristian Ivanov und eine Mitorganisatorin der Okkupation - Bewegung an der Universitat Sofia

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